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So gestresst sind die Deutschen

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Die Deutschen gelten im internationalen Vergleich als Paradebeispiel für Strebsamkeit und Leistungsfähigkeit. Allerdings zahlen deutsche Arbeitnehmer dafür einen hohen Preis. Denn die Zahl derer, die wegen hoher Leistungsanforderungen im Beruf unter schwerwiegenden Stress-Symptomen leiden, ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Laut einer Umfrage von Splendid Research leidet in Deutschland mittlerweile jeder Dritte unter stressbedingten Schlafstörungen. Und auch andere stressbedingte Beschwerden wie Burn-out oder Depressionen werden immer häufiger.

Sachsen ist da keine Ausnahme. Eine Studie offenbarte jüngst, dass gut 64 Prozent aller Sachsen ihr berufsbedingtes Stresslevel als relativ hoch einschätzen. Damit rangiert das Bundesland dicht hinter Stress-Spitzenreitern wie Bayern, Hessen oder Schleswig-Holstein, die zu 67 bis 69 Prozent mit einem erhöhten Stresspotenzial auf der Arbeit zu kämpfen haben. Allerdings sind berufliche Gründe längst nicht die einzige Ursache von Stress.

Warum in Deutschland der Stress umgeht

Dass die Deutschen so gestresst sind, hängt nicht allein am Arbeitsalltag. Häufig ist es nämlich der Drahtseilakt zwischen modernem Berufs- und Privatleben, der deutsche Bürger an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Eine mehrköpfige Familie kann heutzutage zum Beispiel kaum überleben, wenn nicht beide Eltern arbeiten gehen. Steigende Lebenshaltungskosten sorgen dafür und machen das Familienleben zu einer Zerreißprobe für viele Paare.

Vor der Arbeit heißt es da erst einmal früh aufstehen, um die Kinder versorgen und zur Schule oder in den Kindergarten zu bringen. Endlich in der Arbeit angekommen, sitzen einem dann Arbeitspensum und Deadlines im Nacken. Ist das geschafft, hetzt man weiter, um die Kinder abzuholen. Wer Pech hat, muss hierfür die Mittagspause opfern, denn längst nicht jede Schule hat Tagesbetreuung im Angebot oder liegt in Laufnähe einer Tageseinrichtung. Nach Arbeitsschluss geht es dann auch gleich stressreich weiter. Abendessen, Hausaufgaben, Kids ins Bett bringen. Danach ist der Tag rum und doch nicht zu Ende. Denn Hausarbeit fällt auch noch an. Hin und wieder muss in den alltäglichen Trubel sogar noch ein Arzttermin oder Behördengang eingeflochten werden. Und spätestens dann ist das Chaos perfekt.

Stress hat viele Gesichter

Nun birgt das Privatleben fernab von Terminen und elterlichen Pflichten aber noch ganz andere Stressfallen. Kommunikationsprobleme innerhalb der Beziehung werden als Ursache für Stress beispielsweise immer wieder unterschätzt. Auch seelische Belastung durch unaufgearbeitete Traumata (z.B. Mobbing oder häusliche Gewalt), finanzielle Unsicherheiten oder gesundheitliche Vorerkrankungen können Alltag und Beruf durch zusätzlichen Stress beeinträchtigen.

Die beruflichen Stress-Ursachen sind ebenfalls sehr vielseitig. Sie können vom Knatsch mit Kollegen und Vorgesetzten über lange Anfahrtszeiten bis hin zu einem ungesunden Arbeitsplatz reichen. Stressfaktor Nummer eins auf der Arbeit ist und bleibt jedoch ein hohes Arbeitspensum, das mit häufigen Überstunden einhergeht. Die Menschen haben hier kaum noch Zeit, sich vom Arbeitsstress zu erholen und stehen deshalb ständig unter Strom.

Besonders problematisch ist die Lage hier im sozialen Sektor. Die Arbeit mit anderen Menschen, sei es nun im Altenheim, in Problemhaushalten oder in der Kinderbetreuung, geht von Haus aus mit einem erhöhten Stressfaktor einher. Für ihr soziales Engagement werden nach wie vor viele zu schlecht bezahlt und manchmal schieben die Betroffenen zwei Schichten am Stück ohne entsprechenden Gehaltszuschlag. Doch auch in der Fertigungsindustrie ist der Stress ein ständiger Begleiter. Spätschichten, Leiharbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse in der Fabrik - das zehrt an den Nerven. Mit desaströsen Folgen für die Gesundheit.

Stress ist für die Gesundheit hochgefährlich


Dass Stress eines der größten Gesundheitsprobleme unserer Zeit ist, haben Mediziner längst erkannt. Einer der wichtigsten Experten im Raum Sachsen ist diesbezüglich Dr. Horst J. Koch vom Heinrich-Braun-Klinikum in Zwickau. Der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie hielt 2018 einen wichtigen Vortrag zum Thema Burn-out durch beruflichen Stress und schrieb mehrere Studienberichte zu den Folgen eines dauerhaft stressreichen Alltags. Immer wieder betont er dabei, dass unter Stress vor allem das Herz leidet. Diese Kopf-Herz-Interaktion, wie Koch das Geschehen nennt, befördert das Risiko von Erkrankungen wie dem Broken-Heart-Syndrom enorm. Eine Krankheit, die maßgeblich durch Stressbelastung hervorgerufen wird. Und auch auf essenzielle Körperfunktionen wie den Stoffwechsel oder die Immunabwehr hat ein stressgeplagtes Wechselspiel zwischen Kopf und Herz laut Dr. Koch massiven Einfluss.

Mit seiner Ansicht ist Dr. Koch nicht allein. Dass mentaler Stress unmittelbar auf das Herz-Kreislauf-System wirkt, lässt sich medizinisch durch die sogenannte psychophysiologische Aktivierung erklären. Im Falle von Stress kommt es diesbezüglich zu einer erhöhten Konzentration von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol im Blut. Das wiederum schädigt die Blutgefäße, welche in Folge mit Bluthochdruck reagieren. Selbst Zusammenhänge zwischen Stress und erhöhtem Krankheitsrisiko sind wissenschaftlich belegt. Emotionaler Stress kann laut Studien nämlich zur Entstehung von

●    Erkältungen
●    Herpes
●    Magen-Darm-Beschwerden
●    Rückenschmerzen
●    Übergewicht
●    Zähneknirschen

beitragen. Selbst das Risiko schwerer Infektionskrankheiten wie AIDS soll sich durch Stress erhöhen.

Endstation Burn-out - Der Fluch der Leistungsgesellschaft

Ein Beschwerdebild, das diese Wechselwirkung zwischen geistiger und körperlicher Gesundheit deutlich ausdrückt und sich unmittelbar auf hohe Stressbelastung zurückführen lässt, ist das Burn-out-Syndrom. Der Fluch der Leistungsgesellschaft sucht inzwischen selbst Kinder und Jugendliche heim. Die hohen Leistungsanforderungen in der Schule, ebenso wie soziale Probleme, denen junge Menschen heutzutage vermehrt ausgesetzt sind, spiegeln das Stresspotenzial unserer Zeit wider. Und auch unter den Berufskrankheiten führt Burn-out die Top Ten an. Klassische Symptome der Erkrankung sind

●    Abgeschlagenheit
●    Angststörungen
●    Antriebslosigkeit
●    chronische Erschöpfung
●    Depressionen
●    erhöhte Infektanfälligkeit
●    Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit
●    Herz-Rhythmus-Störungen und Bluthochdruck
●    innere Unruhe
●    Konzentrationsstörungen
●    Reizbarkeit
●    Schlafmangel
●    Schmerzsymptome
●    Verdauungsbeschwerden
●    Verspannungen

Die Liste der Folgen von anhaltendem Stress sind also lang und lassen sich häufig nur sehr schwer behandeln.

Stress vorbeugen und behandeln - Tipps zur Stressvermeidung


Als Antwort auf das hohe Stresspotenzial unserer modernen Gesellschaft feiern Wellness Angebote und Anti-Stress-Kurse Hochkonjunktur. Die Menschen müssen offenbar erst wieder lernen, das Leben etwas gelassener zu sehen. Yoga, Qi-Gong, Wellness Massagen und Co. sind hier sicherlich eine gute Möglichkeit, um kurzfristig wieder mehr Ruhe zu finden. Langfristig hilft aber nur ein besseres Zeitmanagement gegen Stress. Dabei geht es nicht nur um eine stressfreie Terminplanung, sondern auch darum, den Alltag insgesamt zu entschleunigen und sich Freiräume zu schaffen. Die berühmte Work-Life-Balance spielt bei der Stressvermeidung also eine wichtige Rolle.

Grundsätzlich kann Stressprävention nur funktionieren, wenn man dem persönlichen Bedürfnis nach Ruhe und Erholung mehr Beachtung schenkt. Der Energiehaushalt des Körpers folgt seinen eigenen Regeln und stimmt nicht immer mit den Anforderungen, die ihm von außen zugetragen werden, überein. Um einen Konflikt zwischen beruflichen Leistungsanforderungen und Ruhebedürfnis zu vermeiden, sollten Sie deshalb durch ausreichende Erholungsphasen vorgebeugt. Viele erfolgsorientierte Arbeitgeber haben das inzwischen begriffen und bieten ihren Angestellten ein harmonisches Arbeitsumfeld, das in Sachen Einrichtung zwischen Zen und Wohlfühlatmosphäre schwebt. Aus gutem Grund, denn gestresste Mitarbeiter sind nachweislich auch weniger motiviert.

Im privaten Alltag sind ergänzend Maßnahmen wichtig, die Sie entspannen und gesundheitlich stärken. Eine gesunde Ernährung darf hierbei wie so oft nicht fehlen, denn eine angemessene Nährstoffversorgung kann Stress ein Stück weit kompensieren. Außerdem ist die Ernährungsweise für viele der Einstieg in eine gesundheitsorientierte Lebensführung. Auf die Ernährungsumstellung folgt so oftmals auch ein besseres Gespür für die körperlichen Bedürfnisse. Man nimmt sich mehr Zeit für Entspannungsangebote und wird empfänglich für subtilere Wege zur Stressprävention wie Aroma- und Klangtherapien, Yoga oder Meditation.

Im stressfreien Alltag ebenfalls nicht fehlen sollten darüber hinaus regelmäßige Aufenthalte in der Natur. Die Bewegung tut gut und die grüne Wildnis beruhigt. Zudem spendet im Freien das Sonnenlicht einen wichtigen Helfer gegen die erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen: Vitamin D. Es ist für die Produktion des Glückshormons Serotonin verantwortlich, das sowohl für eine entspannte Stimmung als auch für eine gesunde Herz-Kreislauf-, Verdauungs- und Schlaf-Funktion des Körpers unerlässlich ist.

Es herrscht auch politischer Handlungsbedarf

Die Politik lenkt mit Blick auf hohe Stressbelastung im Beruf inzwischen ebenfalls vermehrt ein. Es muss aber klar gesagt werden, dass eine bessere Bezahlung nicht immer die Lösung ist. Was es stattdessen braucht, sind mehr Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie klare gesetzliche Regelungen für Arbeitgeber in Zusammenhang mit einer stressfreien Arbeitsplatzgestaltung. Auch das Gesundheitssystem steht in der Verantwortung und muss Patienten mit schwerwiegenden Stress-Symptomen besser unter die Arme greifen. Das gilt insbesondere für die zukünftigen Gesellschaftsentwicklungen, in denen der demografische Wandel dem sozialen Sektor äußerst stressreiche Herausforderungen zur Altenpflege und Familiengesundheit bescheren wird. Dem Sozialwesen stehen die stressreichsten Tage seit Langem bevor und die Politik ist ganz klar in der Pflicht.