Wirbel um Internetaktion #allesdichtmachen

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Zahlreiche prominente Film- und Fernsehschauspieler sorgen mit einer großangelegten Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen für Aufsehen. Künstler wie Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Richie Müller, Heike Makatsch, Jan Josef Liefers und viele weitere verbreiteten am Donnerstag bei Instagram und auf der Videoplattform Youtube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Statements zur Coronapolitik der Bundesregierung. Wie die Aktion koordiniert wurde, war zunächst nicht bekannt. Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer wurden am Abend binnen kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland.

«Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz», fordert etwa Tukur die Bundesregierung auf. «Nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte.» Und er fügt hinzu: «Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage.»

Liefers bedankt sich in seinem Clip mit ironischem Unterton «bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben.»

Geteiltes Echo

In den sozialen Medien stieß die Aktion auf begeisterte Zustimmung bis vehemente Ablehnung. «Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben», twitterte Moderator Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist.

Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben.

— Tobias Schlegl (@TobiSchlegl) April 22, 2021

Schauspieler Marcus Mittermeier kommentierte: «Niemand hat mich gefragt, ob ich bei #allesdichtmachen mitmachen will. Gott sei Dank!» Medienjournalist Stefan Niggemeier vom Onlinemagazin «uebermedien.de» schrieb von «ekliger Ironie» und einem «Dammbruch», der zugleich der «größte Erfolg der Querdenkerzene bisher» sei.

Beifall gab es dagegen vom früheren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter «großartig» nannte. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sprach von einem «Meisterwerk», das «uns sehr nachdenklich machen» sollte. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twitterte: «Das ist intelligenter Protest.» Sie feiere Jan Josef Liefers.

Großartig. Künster gegen die Coronapolitik: Jan Josef Liefers: „Danke an alle Medien unseres Landes ...“#allesdichtmachen#niewiederaufmachen#lockdownfürimmerhttps://t.co/A6L37ZIWti

— Hans-Georg Maaßen (@HGMaassen) April 22, 2021

Die Kunst- und Kulturszene leidet seit mehr als einem Jahr schwer unter den Corona-Maßnahmen. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) etwa haben viele der Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum Einkommen. Laut dem Verband leben zwei Drittel bis drei Viertel aller Schauspieler und Schauspielerinnen von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten können. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 15 000 bis 20 000 Schauspieler.

Reaktionen der Darsteller

Unter anderem Jan Josef Liefers hat sich bereits zu der immer lauter werdenden Kritik geäußert. In einem Twitterpost schrieb er folgendes:

"Klartext. Ich setze mich kritisch mit den Entscheidungen meiner Regierung zu SarsCoV2 und Covid 19 auseinander. Besonders wegen der in Kauf genommenen Verluste in Kultur und Kunst und der Veranstaltungsbranche. Auch im jüngsten Video, das ein ironischer Kommentar über Prioritäten von Medien sein sollte. Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt. Ich bin bei all denen, die zwischen die Fronten geraten sind, den Verängstigten, den Verunsicherten, den Verstörten und Eingeschüchterten, den Verstummten, den Hin- und Hergerissenen. Denen, die während der ständig erneuerten ineffektiven Lockdowns häusliche Gewalt erleiden müssen und bei den unverzeihlichsten aller Kollateralschäden, den Kindern. Gute Nacht zusammen." 

1/4 Klartext. Ich setze mich kritisch mit den Entscheidungen meiner Regierung zu SarsCoV2 und Covid 19 auseinander. Besonders wegen der in Kauf genommenen Verluste in Kultur und Kunst und der Veranstaltungsbranche. Auch im jüngsten Video, das ein ironischer Kommentar

— Jan Josef Liefers (@JanJosefLiefers) April 22, 2021

Auch Heike Makatsch distanziert sich und postete unter dem Hashtag "Womöglich gescheitert" Folgendes auf Instagram:

"Ich distanziere mich klar und eindeutig von rechtem Gedankengut und rechten Ideologien. Schon immer. Ohne Frage. Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona Pandemie ausgeht und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie womöglich damit verletzt. Sollte das geschehen sein, so bitte ich um Verzeihung.  Ich habe durch Kunst und Satire den Weg gewählt, die Veränderung in unserer Gesellschaft aufzuzeigen und Raum zu schaffen, für einen kritischen Diskurs. Ich finde es wichtig, unsere nicht mehr wiederzuerkennende Welt auf eine irgendeine Art zu spiegeln oder zu kommentieren. Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst."

Auch Schauspieler Ken Duken nimmt auf seinem Instagram Profil Stellung. "Diese Aktion ist gründlich in die Hose gegangen"; schreibt er in einem Posting.