• Kann sich freuen, denn Orang-Utan-Mütter stillen ihren Nachwuchs zumin­dest zeitweise noch bis ins neunte Lebens­jahr hinein. Foto: Roland Weihrauch

Orang-Utans im Glück: Muttermilch noch für Teenager

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Nathan (dpa) - Orang-Utan-Mütter stillen ihren Nachwuchs zumin­dest zeitweise noch bis ins neunte Lebens­jahr hinein. Die Kleinen trinken im ersten Lebens­jahr ausschlie­ß­lich Mutter­milch. Danach fressen sie auch Früchte und andere Pflan­zen­teile.

Sie greifen aber immer wieder auf Mutter­milch zurück, wenn pflanz­liche Kost nicht verfügbar ist, berichten Wissen­schaftler im Fachblatt «Science Advances». Sie wiesen in den Zähnen verstor­bener Orang-Utans chemi­sche Spuren der Milch nach.

Über viele Aspekte des Verhal­tens wildle­bender Orang-Utans ist noch immer wenig bekannt, so auch über die Ernäh­rung der Jungtiere. Das liegt vor allem daran, dass die Affen die meiste Zeit des Tages hoch oben in Bäumen verbringen. Gerade wenn sich die Mütter nachts mit ihren Jungen in die Nester verziehen, ist eine Beobach­tung kaum mehr möglich.

Die Forscher um Tanya Smith von der Griffith Univer­sity in Nathan (Austra­lien) umgingen dieses Problem, indem sie bei Zähnen von Orang-Utans die Vertei­lung von Barium unter­suchten. Barium stammt aus Speichern im Körper der Mütter und konzen­triert sich in der Mutter­milch. Die Jungtiere lagern es dann in Knochen und Zähnen ein. Ähnlich wie Bäume weisen Zähne Wachs­tums­ringe auf, so dass man gemes­sene Barium-Konzen­tra­tionen in einzelnen Schichten mit dem Alter der Tiere in Verbin­dung bringen kann.

Insge­samt unter­suchten die Forscher Backen­zähne von vier vor Jahren erschos­senen Jungtieren, die in zoolo­gi­schen Museen aufbe­wahrt werden. Es handelte sich dabei um Exemplare des Borneo-Orang-Utans (Pongo pygmaeus) sowie des Sumatra-Orang-Utans (Pongo abelii).

Die Forscher stellten fest, dass der Barium-Gehalt im ersten Lebens­jahr anstieg. Zwischen dem 12. und 18. Lebens­monat fiel der Barium-Gehalt dann ab - die Tiere begannen, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Nachfol­gend schwankte er dann in einem annähernd jährli­chen Rhythmus. Die Wissen­schaftler vermuten, dass die Tiere immer dann auf Mutter­milch zurück­griffen, wenn - jahres­zeit­lich bedingt - weniger Früchte zur Verfü­gung standen.

Für eines der unter­suchten Tiere konnten die Forscher recht genau bezif­fern, wann es vollständig auf feste Nahrung umstieg: Es war zu diesem Zeitpunkt 8,1 Jahre alt. Ein weiteres Tier hatte wohl bis zu seinem Tod im Alter von 8,8 Jahren noch Mutter­milch getrunken. Für keinen anderen nicht-mensch­li­chen Primaten sei ein derart später vollstän­diger Umstieg auf feste Nahrung nachge­wiesen, schreiben die Forscher.

Das Geburts­in­ter­vall beträgt bei Orang-Utans vier bis acht Jahre - auch dies ist die längste bei Menschen­affen bekannte Spanne. Aufge­zogen wird der Nachwuchs allein von den Weibchen, erst mit fünf bis acht Jahren beginnt die allmäh­liche Trennung von der Mutter. Wegen der langsamen Fortpflan­zungs­rate bringen die Weibchen im Laufe ihres rund 50 Jahre währenden Lebens oft nur zwei bis drei Jungtiere zur Welt - was mit ein Grund dafür ist, dass das Überleben der Affen in freier Wildbahn so bedroht ist.

Weitere Unter­su­chungen sollen nun zeigen, wie die Verfüg­bar­keit von Nahrung und andere Umwelt­fak­toren das Still­ver­halten bei Primaten beein­flussen, erklärte Smith. «Weitere Studien sind nötig, um heraus­zu­finden, ob ähnliche Still­muster mensch­li­chen Babys helfen, ihre Wider­stands­fä­hig­keit gegen Umwelt­stress im Säuglings­alter zu erhöhen.»