• Er hätte rechtzeitig gestoppt werden können: Der Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri. Foto: Bundeskriminalamt

  • Am 19. Dezember 2016 war der Terrorist Anis Amri mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast. Er tötete 12 Menschen und verletzte mehr als 70 teils schwer. Foto: Bernd von Jutrczenka

  • Am Tag danach: Der Lkw, den Amri für seinen Terror benutzte, steht noch auf dem Berliner Breitscheidplatz. Foto: Michael Kappeler

  • Der von Amri gekaperte Lkw auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Foto: Michael Kappeler

  • Der Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nach der Todesfahrt von Anis Amri. Foto: Michael Kappeler

  • Todes-Lkw: Der von Anis Amri gekaperte Sattelschlepper nach dem Anschlag. Foto: Michael Kappeler

  • Spurensicherung in Mailand, wo Anis Amri bei einem Schusswechsel mit der italienischen Polizei getötet wurde. Foto: Daniele Bennati/B&V

Mitbewohner von Attentäter Amri: Habe früh vor ihm gewarnt

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Berlin (dpa) - Ein Zimmergenosse des späteren Attentäters Anis Amri hat nach eigenen Angaben frühzeitig wegen dessen islamistischer Gesinnung Alarm geschlagen.

Bereits im Herbst 2015 habe er den Leiter der Asyleinrichtung in Emmerich, in der er mit Amri einen Monat lang das Zimmer teilte, durch einen befreundeten Dolmetscher über seine Bedenken informiert, sagte der heute 26-jährige Syrer Mohamed J. am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Bundestags.

Auch bei einer Anhörung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im Sommer 2016 habe er ausführlich darüber gesprochen, dass er Amri für einen Extremisten halte. Dort habe er das erste Mal den Eindruck gehabt, auf offene Ohren zu stoßen. Fast zwei Stunden lang sei es beinahe nur um Amri gegangen. Vertreter von Polizei oder Sicherheitsbehörden hätten ihn aber erst nach dem Anschlag vernommen.

Der Tunesier Anis Amri steuerte im Dezember 2016 einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz und tötete zwölf Menschen. Auf der Flucht wurde er später in Italien von der Polizei erschossen. Vorher lebte er erst in Nordrhein-Westfalen, dann in Berlin.

Mohamed J. sagte, er habe in einem «Planer» Amris zufällig eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat gesehen und dies dem Heimleiter gemeldet. Amri sei nach seiner Einschätzung jemand gewesen, von dem Böses zu erwarten gewesen sei. Amri habe wiederholt per Skype mit Freunden gesprochen, die nach seiner Einschätzung aus den Maghreb-Staaten kamen und die J. als «Mudschaheddin» beschrieb. Sie hätten lange Haare und Kalaschnikows gehabt. Amri habe mit ihnen über seine Pläne gesprochen, nach Syrien in den Dschihad zu ziehen, und auch die drei Mitbewohner dazu aufgerufen. Zudem habe er Videos von Selbstmordattentaten angesehen.

Die Obfrau der Grünen im Untersuchungsausschuss, Irene Mihalic, zeigte sich befremdet. «Es ist schon ein merkwürdiger Vorgang, dass die Einschätzung eines Mitbewohners zur Gefährlichkeit Amris nicht weiterverfolgt worden zu sein scheint», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Es müsse nun genau geklärt werden, warum dieser wichtigen Information scheinbar nicht nachgegangen worden sei.

Der FDP-Abgeordnete Benjamin Strasser äußerte sich ähnlich. «Es stellt sich die Frage, welche Rolle unklare Zuständigkeiten und Kompetenzwirrwarr dabei gespielt haben», sagte er. «Angesichts der weiterhin hohen Terrorgefahr müssen wir sicherstellen, dass sich dergleichen nicht wiederholt.»

Amri habe in Emmerich nach seiner Einschätzung wenig Bekannte gehabt, sagte J. Er sei sehr oft in die örtliche Moschee gegangen. Seine Mitbewohner habe er gefragt, was sie in Deutschland, dem Land der Ungläubigen, machten. Amri selbst habe erklärt, er versuche, hier durch Diebstähle an Geld zu kommen und mit mehrfachen Identitäten zusätzliches Geld von Behörden abzuschöpfen. Nach Amris extremistischem Verständnis des Islam sei das gegenüber «Ungläubigen» erlaubt gewesen - J. entschuldigte sich, bevor er die Amri zugeschriebene Formulierung wiederholte.

J. beschrieb den späteren Attentäter laut Übersetzung aus dem Arabischen mehrfach als jemanden, der eine «Gehirnwäsche» durchlaufen habe. Er sei seinen Mitbewohnern mit seinen ständigen Vorhaltungen darüber, was nach seien religiösen Vorstellungen erlaubt oder verboten sei, auf die Nerven gegangen.