• Little Steven feiert mit den Disciples Of Soul eine große Party. Foto: Universal Music/Kevin Michaelson/Archiv

Little Steven: Viel mehr als nur der Buddy vom «Boss»

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Berlin (dpa) - Dieses Album ist wie eine Dampfwalze. Und die dazu gehörige Live-Show auch. Danach ist man geplättet von so viel zeitlos schöner Bigband-Power aus Rock, Pop, Soul, Latin und Blues. Der 68-jährige Little Steven zeigt mit «Summer Of Sorcery», was er beim «Boss» und als Solo-Musiker gelernt hat.

Zur Erinnerung: Steven Van Zandt alias Little Steven - das ist seit 45 Jahren einer der besten Freunde von Bruce Springsteen (der Mitte Juni mit «Western Stars» selbst ein neues Soloalbum herausbringt). Das ist der langjährige Gitarrist der legendären E Street Band (die bald ebenfalls wieder gemeinsame Songs aufnehmen will). Das ist der bekannnteste Kopftuch-Träger der Rockmusik.

Das ist aber auch der bewundernswerte Polit-Aktivist, der 1985 das Lied «Sun City» gegen Südafrikas Apartheid-Regime sang - ein Welthit voller gerechter Wut. Das ist der anerkannte Radiomoderator und der Kult-Schauspieler aus «The Sopranos» und «Lilyhammer».

Ein Mann mit vielen Talenten also - doch mit eigener Musik hielt sich Van Zandt lange zurück. Sein Comeback als Little Steven mit den Alben «Soulfire» (2017) und «Soulfire Live!» (2018) basierte noch auf älteren Songs. Die Anfang Mai erschienene Platte «Summer Of Sorcery» (Wicked Cool/Universal) ist nun die erste mit komplett neuem Material seit den 90ern.

Und als hätte man einen treuen, aber immer noch bissigen Hund endlich mal wieder von der Leine gelassen, tobt sich dieser ewige Rock 'n' Roller und große Verehrer schwarzer Musik hier mit seiner 14-köpfigen Band The Disciples Of Soul aus. Manches klingt angenehm nach dem «Boss» in seiner bahnbrechenden «Born To Run»-Phase von 1975, als Little Steven zur E Street Band stieß: «A World Of Your Own», «Love Again», der ganz wunderbare achtminütige Titelsong - eine Erinnerung an den «New-Jersey-Sound», mit dem Springsteen und Van Zandt weltberühmt wurden.

Schon für den Opener «Communion» baut Little Steven eine gewaltige Klangwand mit fetten Bläsersätzen und Chor-Arangements, anschließend lädt er mit «Party Mambo!» zum Latin-Dance. «Vortex» greift den Seventies-Soul von «Shaft» auf, auch «Education» groovt funky (und formuliert den Wunsch nach besserer Bildung in den USA, ein Lieblingsthema des Musikers).

Anderswo wird es bei Doo-Wop, Twist und Fifties-Pop so richtig fingerschnippend-nostalgisch in diesem opulenten Retro-Sound. «I Visit The Blues» ist selbsterklärend. «Ich wollte einen Hybrid schaffen, der typisch für mich ist», sagt Little Steven. «Ich wollte darin Sly And The Family Stone hören, Sam Cooke, Tito Puente, ich wollte The Beach Boys mit reinpacken, natürlich auch James Brown.» Was für eine Liste! Seine - gerade im Vergleich mit Springsteen - gern bekrittelte Stimme klingt derweil erstaunlich kraftvoll und energiegeladen.

Textlich sei das neue Material nicht mehr so offen politisch wie früher, erklärt Van Zandt. «Das Konzept dahinter war, diesen ersten Ansturm des Sommers festzuhalten. Die elektrisierende Wirkung des Gefühls unbegrenzter Möglichkeiten. Wenn man sich zum ersten Mal in die Welt verliebt.» Diese Beschreibung hätte auch vom Springsteen der mittleren 70er Jahre stammen können. Eine «Sammlung fiktionaler Filmszenen» sei das Album geworden, auf das er «ziemlich stolz» sei, so Little Steven über «Summer Of Sorcery», den «Sommer der Verzauberung».

Live bestätigt der Sänger und Gitarrist zusammen mit seinen Disciples Of Soul wenige Wochen nach der Albumveröffentlichung den bärenstarken Eindruck der Platte. Mittendrin in seiner Welttournee, läuft der 68-Jährige am Dienstagabend auch im gut besuchten, aber längst nicht ausverkauften Berliner «Huxleys» zu Höchstform auf. Zwar kommt der alte Kumpel Springsteen nicht wie kürzlich in Beverly Hills für ein paar Lieder als Gast auf die Bühne. Doch das Konzert lässt ansonsten keine Wünsche offen.

Wer - außer den Superstars - leistet es sich heute noch, gut ein Dutzend Musiker aus den USA nach Europa mitzubringen? Little Steven hat seine gesamte Studiotruppe eingeladen, ihn auf der Welttournee zu unterstützen, um «Summer Of Sorcery» so perfekt wie im Studio zu performen. Und das tun fünf Blechbläser, drei bezaubernde schwarze Sängerinnen, Schlagzeuger, Percussionist, zwei Keyboarder, Bassist und Gitarrist in Berlin mit Hingabe.

Little Steven selbst - rundlich geworden, mit der üblichen Bandana-Kopfbedeckung, freundlich und schwärmerisch wie immer - singt zeitweise mit Mühe gegen den mächtigen, manchmal matschigen Klang seiner Riesenband an, die etwas zu laut für eine mittelgroße Location wie das «Huxleys» ist. Es bleibt der einzige kleine Kritikpunkt an einem Gig, der klassisches US-Entertainment voller Seele und Temperament bietet.

Der aufrechte Linke Van Zandt schimpft kurz über den «Bullshit» der heutigen Politik, über «dunkle Zeiten» (ohne Donald Trump auch nur eines Wortes zu würdigen), setzt den vorzüglich gealterten Protestsong «Sun City» als Zugabe dagegen. Ansonsten ist der Berliner Auftritt, was schon das neue Album versprach: eine knallbunte Party und zugleich eine bewegende Feier von 60 Jahren US-Musikgeschichte. Little Steven hat wieder mal bewiesen, dass er viel mehr ist als nur der gute Buddy vom «Boss».

Weitere Konzerte: 5.6. Hamburg, 11.6. Zürich