Haftbefehl nach BVB-Anschlag - Aktienspekulation als Motiv

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  • Einsatz­kräfte stehen in einer Straße in Rotten­burg am Neckar vor einem Haus. Die Polizei sperrte ein Wohnge­biet ab und durch­suchte ein Gebäude. Foto: Chris­toph Schmidt

  • Vor dem Haus, das in einer Sackgasse liegt, stehen mehrere Mannschafts­wagen der Polizei. Auch Hunde sind im Einsatz. Foto: Chris­toph Schmidt

  • Polizei­ein­satz­kräfte sprechen mit Anwoh­nern in der Nähe des Gebäudes, das durch­sucht wurde. Foto: Chris­toph Schmidt

  • Im Zusam­men­hang mit der Festnahme nach dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus hat es Einsätze in den Städten Tübingen und Rotten­burg am Neckar in Baden-Württem­berg gegeben. Foto: Chris­toph Schmidt

  • Der Screen­shot von der Website von Borussia Dortmund zeigt den Kursver­lauf der BVB-Aktie: Laut Bundes­an­walt­schaft hat der Beschul­digte am 11. April, dem Tag des Anschlags, 15 000 Verkaufs­op­tionen für 78 000 Euro in Bezug auf die BVB-Aktie erworben. Foto: website Borussia Dortmund

  • Ein Beamter des Landes­kri­mi­nal­amtes unter­sucht in der Nacht nach dem Vorfall den Bus der Fußball­mann­schaft von Borussia Dortmund. Foto: Marcel Kusch

  • Die zerstörte Scheibe des Mannschafts­busses der Fußball­mann­schaft von Borussia Dortmund, aufge­nommen in der Nacht nach dem Vorfall. Foto: Bernd Thissen/Archiv

  • Mit weißer Farbe ist einer der Explo­si­ons­orte gekenn­zeichnet. Foto: Marius Becker

Berlin (dpa) - Der Sprengstoffanschlag auf die Mannschaft des BVB hat nach Erkenntnissen der Ermittler einen kriminellen Hintergrund: eine geplante Aktienmanipulation.

Der gefasste Verdächtige soll mit dem Angriff auf einen Kursverlust der BVB-Papiere gesetzt haben, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte. Mit den Börsen-Spekulationen habe der 28-Jährige dann wohl viel Geld kassieren wollen. Er war am frühen Freitagmorgen im Raum Tübingen festgenommen worden - am Abend erging Haftbefehl. Der Mann sei dringend tatverdächtig, hieß es in einer Mitteilung der Behörde.

Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen und Mittäter bei dem Anschlag gebe es bislang nicht, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler. Die Behörde behalte diese Frage aber weiter im Blick.

Dem Verdächtigen Sergej W. wird versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der in Freudenstadt wohnende Mann hat laut Bundesanwaltschaft die deutsche und die russische Staatsangehörigkeit.

Nach Angaben des Bundeskriminalamts hat er sich nach der Festnahme nicht zur Tat geäußert. Auf eine entsprechende Frage des ZDF-«heute journals» sagte der BKA-Präsident Holger Münch: «Nein, er hat sich nicht eingelassen.» «Focus Online» zitierte dagegen Sicherheitskreise, denen zufolge der Verdächtigte bei der Festnahme durch die Elite-Polizeieinheit GSG9 gesagt haben soll: «Ich bin es, ihr habt den Richtigen.» Er habe seine Wohnungsschlüssel für eine Durchsuchung ausgehändigt und sei in Tränen ausgebrochen.

Die Ermittler seien ihm «sehr früh» auf die Spur gekommen, nachdem sie einen Hinweis auf auffällige Börsenkäufe von Optionsscheinen bekommen hätten, berichtete BKA-Chef Münch. Die Festnahme dauerte nach Münchs Angaben dann aber noch, weil die Ermittler den Anfangsverdacht erst noch erhärten wollten, um genügend Material für die erfolgreiche Beantragung eines Haftbefehls zu haben.

Dem Vernehmen nach kam ein Tipp von der Onlinebank Comdirect. Die «Bild»-Zeitung hatte schon früher berichtet, dass Comdirect-Mitarbeiter der Polizei pflichtgemäß einen Verdacht auf Geldwäsche gemeldet hätten. Offiziell äußerte sich die Bank nicht.

Wie viel Geld der Verdächtige im Fall des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus maximal an der Börse hätte gewinnen können, ist noch nicht klar. Das werde derzeit noch berechnet, sagte Köhler. Der 28-Jährige habe drei verschiedene Derivate auf die Aktie von Borussia Dortmund erworben - die meisten davon am Tag des Angriffs.

Unklar ist auch, wie viel Geld er investiert hat. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft nahm er für den Kauf der Derivate einen Verbraucherkredit in Höhe von mehreren Zehntausend Euro auf, der «Spiegel» schrieb von 40 000. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte: «Der Täter hat nach meinem jetzigen Stand 79 000 Euro investiert.»

Sicher ist: Je tiefer die Aktie des Fußballvereins gefallen wäre, desto höher wäre sein Gewinn ausgefallen. Der BVB war im Jahr 2000 als erster deutscher Sportverein an die Börse gegangen.

Der Kauf der Derivate wurde den Angaben zufolge über einen Online-Anschluss des Mannschaftshotels abgewickelt, in dem der Tatverdächtige bereits am 9. April - zwei Tage vor der Tat - ein Zimmer bezogen habe - mit Blick auf den späteren Anschlagsort.

«Das ist natürlich Wahnsinn», sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der «Bild»-Zeitung über das mögliche Tatmotiv. «Wir werden jetzt im Rahmen unserer Möglichkeiten die Sicherheitsvorkehrungen noch mal dramatisch nach oben schrauben.» BVB-Trainer Thomas Tuchel sagte, es sei ein gutes Gefühl, dass der Polizei offensichtlich ein Durchbruch gelungen sei.

Der Verdächtigte war seit Mitte 2016 als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk tätig. Herkunft und Art des verwendeten Sprengstoffs waren den Angaben der Bundesanwaltschaft zufolge noch nicht ermittelt. Die Kriminaltechniker müssten etwa Bodenproben untersuchen, erklärte die Sprecherin.

Am Dienstag vergangener Woche hatten vor dem Champions-League-Spiel der Dortmunder gegen den AS Monaco drei Sprengsätze nahe dem Mannschaftsbus gezündet. Die BVB-Spieler waren kurz zuvor mit ihrem Bus vom Mannschaftshotel zum Stadion losgefahren. Bei der Explosion wurde der Abwehrspieler Marc Bartra schwer verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma. Das Spiel war wegen des Anschlags um einen Tag verschoben worden.

Die Ermittler hatten zunächst versucht, Schlüsse aus drei gleichlautenden Bekennerschreiben zu ziehen, in denen ein radikal-islamistisches Motiv für den Anschlag behauptet wird. Die Schreiben waren am Tatort gefunden worden. Nach eingehender Prüfung hat die Bundesanwaltschaft an einem radikal-islamistischen Hintergrund aber erhebliche Zweifel. Auch ein rechtsextremistisches Bekennerschreiben weist nach Angaben der Behörde Widersprüche und Ungereimtheiten auf.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bezeichnete die Schreiben als «besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen».