• Ein Mantel­pa­vian sitzt im Tierpark Hella­brunn in München und gähnt. Bei der akusti­schen Analyse von Pavian­lauten konnten Forscher Laute identi­fi­zieren, die mit fünf mensch­li­chen Vokalen verwandt sind. Foto: Andreas Gebert/Archiv/Symbol­bild

Der menschlichen Sprachent­wicklung auf der Spur

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Aix-en-Provence (dpa) - Die Entwick­lung der Sprache hat beim Menschen mögli­cher­weise deutlich früher begonnen als bislang gedacht. Bei der akusti­schen Analyse von Pavian­ge­räu­schen konnten Joël Fagot und seine Kollegen Laute identi­fi­zieren, die mit fünf mensch­li­chen Vokalen verwandt sind.

Die Forscher der Univer­sität Aix-Marseille in Aix-en-Provence (Frank­reich) vermuten deshalb im Fach­ma­gazin «PLOS ONE», dass schon die letzten gemein­samen Vorfahren von Menschen und Pavianen vor etwa 25 Millionen Jahren sprachähn­liche Laute von sich geben konnten.

«Gespro­chene Sprache hinter­lässt keine Fossi­lien», schreiben die Biologen. Dies sei der Grund dafür, dass die Entwick­lung der Sprache so schwer zu erfor­schen sei. Einer verbrei­teten Theorie zufolge sei die Entwick­lung der Sprache an die Lage des Kehlkopfs im Hals gekop­pelt: Beim Menschen sitzt der Kehlkopf im Vergleich zu nicht mensch­li­chen Primaten sehr tief. Einige neuere Studien haben aller­dings Zweifel an der Theorie aufkommen lassen.

Das Team um Fagot nahm zunächst ein dreiviertel Jahr lang Laute von Guinea-Pavianen (Papio papio) auf, die in einem Prima­ten­zen­trum in Rousset-sur-Arc (Frank­reich) leben. Beson­ders ergiebig war nach Angaben der Forscher die halbe Stunde vor der Fütte­rungs­zeit. Ausge­wertet wurden schlie­ß­lich die Laute von 15 erwach­senen Tieren, drei Männchen und zwölf Weibchen, weil die hohen Laute der Jungtiere eine Vokal­ana­lyse nicht zuließen.

Die Forscher vergli­chen die Lautbil­dung und die jewei­ligen Schall­fre­quenzen der Paviane mit Vokalen, die von zwölf­jäh­rigen Menschen gespro­chen wurden. Denn bei ihnen ist der Vokaltrakt (der Teil des Sprech­ap­pa­rats oberhalb des Kehlkopfs) etwa gleich lang wie bei den Pavianen. So konnten die Wissen­schaftler die einzelnen Pavian­laute schlie­ß­lich mensch­li­chen Vokalen zuordnen: die für Paviane typischen «Wa-ho»-Schreie dem Ä und dem O, das Kläffen ebenfalls dem Ä, zwei Grunz­laute dem U und ein Grunzen einem beson­deren I, wie es häufiger in slawi­schen Sprachen vorkommt. Der Vokal des Geplap­pers entspricht dem A und der weibliche Kopula­ti­onsruf dem O.

Die Biologen fanden auch zwei sogenannte Achsen der Lauter­zeu­gung: Zunge vorne oder hinten, Zunge hoch oder tief. Diese Achsen gibt es auch beim Menschen. Bestä­tigt wurde diese Erkenntnis durch anato­mi­sche Unter­su­chungen an zwei Pavianen, die eines natür­li­chen Todes gestorben waren: Die Zunge der Paviane hat dieselben Muskeln wie die mensch­liche Zunge. Alle Erkennt­nisse der Studie zusam­men­ge­nommen ergeben den Forschern zufolge deutliche Hinweise darauf, dass die Sprache beim Menschen früher entstanden sein könnte als vor rund 100000 Jahren, wie häufig angenommen wird.

Auf diesem Forschungs­ge­biet hat es auch in den vergan­genen Jahren eine Reihe neuer Erkennt­nisse gegeben. So fand eine Gruppe um Zanna Clay von der Univer­sität Neuchâtel in der Schweiz 2015 bei der Unter­su­chung von Bonobos (einer Schim­pan­senart) heraus, dass einige Laute mit den Schreien mensch­li­cher Säuglinge vergleichbar sind. Außerdem verstünden Bonobos die Bedeu­tung der für sie typischen Pieplaute aus der Situa­tion heraus, was auch bei der mensch­li­chen Sprache wichtig ist.

In einer Studie von 2016 konnten Adriano Lameira von der Univer­sity of Durham (Großbri­tan­nien) und seine Kollegen einem Orang-Utan Laute beibringen, die bei seinen wilden Artge­nossen nicht zu hören waren. Für die Forscher zeigt dies, dass ein Orang-Utan fähig ist, seine Lautäu­ße­rungen bewusst zu steuern und zu verän­dern.