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Chemnitz-Prozess: Kaum Aufklärung durch Augenzeugen

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Exakt sieben Monate nach dem gewaltsamen Tod eines Chemnitzers tritt das Landgericht der Stadt bei der Aufklärung des Tathergangs auf der Stelle. Am zweiten Verhandlungstag zu der tödlichen Messerattacke konnte auch ein weiterer Augenzeuge keinen der mutmaßlichen Täter beschreiben.

Der Arbeitskollege des getöteten 35-Jährigen erklärte am Dienstag in der Verhandlung in Dresden, dass er nicht gesehen habe, wer diesen verletzt habe. Er sei selbst in die Schlägerei verstrickt gewesen und habe das Opfer erst gesehen, als es am Boden lag.

Zugleich gab der 33-Jährige jedoch an, den Angeklagten als einen der Männer wiederzuerkennen, die am Tatort waren. «Er war dort. Ich habe ihn während der Schlägerei gesehen», ließ der Deutsch-Russe durch eine Dolmetscherin übersetzen. Der Zeuge hatte bei der Schlägerei am Tatort eine Platzwunde am Kopf erlitten.

Seit dem 18. März muss sich vor dem Landgericht Chemnitz ein Syrer unter anderem wegen des Vorwurfs des gemeinschaftlichen Totschlags verantworten. Er soll am 26. August 2018 am Rande des Stadtfestes gemeinsam mit einem flüchtigen Iraker den Chemnitzer Daniel H. erstochen und einen weiteren Mann durch Messerstiche schwer verletzt haben. Der Angeklagte bestreitet die Tat.

Am ersten Verhandlungstag hatte der damals Schwerverletzte, Bruder des 33-jährigen Zeugen, ebenfalls keinen Tatverdächtigen beschreiben können. Der Prozess findet aus Sicherheitsgründen in einem Gebäude des Oberlandesgerichts Dresden statt.

In ihrer Zeugenaussage konnte auch die Ehefrau des Schwerverletzten keine Angaben dazu machen, wer bei der nächtlichen Schlägerei auf wen eingeschlagen oder eingetreten habe. Sie habe den Notruf gewählt und deswegen den Tatort verlassen. Als sie zurückkam, hätten ihr Mann und Daniel H. blutend auf dem Boden gekauert beziehungsweise gelegen. Sie sei panisch gewesen, weshalb bei ihr alles chaotisch gewesen sei, sagte die 34-Jährige.

Allerdings wählte sie bei der erneuten Vorlage von 15 Fotos während der Verhandlung wie der 33-Jährige das Bild Nummer 12 aus, das einen der Tatbeteiligten zeigen sollte. Für die Zuschauer war das Foto nicht zu sehen. Nach ihrer Aussage ist es der Mann, mit dem Daniel H. den Schlägerei auslösenden Streit gehabt hatte.

Abgesehen von der Übereinstimmung bei der Bildauswahl war die Anhörung des 33-Jährigen geprägt von Erinnerungslücken und unklaren Aussagen. Der Arbeitskollege des Getöteten verstrickte sich zudem bei der hartnäckigen Befragung durch die Verteidigung in Widersprüche. Sein Aussageverhalten sei befremdlich, rügte Anwältin Ricarda Lang.

In den mehr als dreieinhalb Stunden auf dem Zeugenstuhl berichtete Juri M. über die Nacht zum 26. August aus seiner Sicht, konnte aber nur wenig dazu beitragen, den Tathergang aufzuklären. Weder konnte er einen Tatverdächtigen beschreiben noch einen der mutmaßlichen Angreifer des getöteten Daniel H. identifizieren. Auch habe er nicht gesehen, wer ihn beziehungsweise seinen Bruder verletzte.

Nach Aussage des Zeugen kamen zwei Personen zu ihrer Gruppe und hätten nach einer EC-Karte gefragt. Weil einer der Männer eine entsprechende Geste gemacht habe, habe er es so verstanden, «dass er mit Hilfe der Karte etwas ziehen will». Der Ausdruck «etwas ziehen» wird oft für das Schnupfen von Kokain verwendet. Auf Nachfrage machte der Zeuge die Geste vor: Über der nach oben geöffneten linken Handfläche führte er mit der rechte Hand eine schiebende Bewegung aus, wobei das Halten einer Karte zwischen den Fingern simulierte.

Zum Abschluss des zweiten Verhandlungstages lehnte das Gericht Angaben zur politischen Einstellung der Berufs- und Laienrichter ab. Dafür bestehe weder aus rechtlicher noch aus tatsächlicher Sicht ein Anlass, erklärte die Vorsitzende Richterin der Schwurgerichtskammer, Simone Herberger. Das Recht des Angeklagten auf ein Verfahren vor einem unabhängigen und überparteilichen Gericht sei gewahrt. Der dritte von 24 angesetzten Verhandlungstagen ist für den 3. April angesetzt. (dpa)