• Der promovierte Physiker und Chemiker Attila Cangi forscht in Görlitz, wie sich Materie unter extremen Bedingungen verhält. Foto: kmk

    Der promovierte Physiker und Chemiker Attila Cangi forscht in Görlitz, wie sich Materie unter extremen Bedingungen verhält. Foto: kmk

  • Gründungsdirektor Professor Roland Sauerbrey: "Das Rechnen hier ist nicht einfach nur immer größere Computer. Es geht mehr um menschliche Brainpower. Die haben wir hier. Damit können wir komplexe Probleme lösen". Foto: kmk

    Gründungsdirektor Professor Roland Sauerbrey: "Das Rechnen hier ist nicht einfach nur immer größere Computer. Es geht mehr um menschliche Brainpower. Die haben wir hier. Damit können wir komplexe Probleme lösen". Foto: kmk

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Antworten auf Zukunftsfragen aus Görlitz

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Das Gebäude ist unscheinbar. Ein Schild neben der Eingangstür. „Casus“ steht drauf.  "Casus"  ist die Abkürzung für „Center for Advanced Systems Understanding“.  Touristen streben vorbei, sie wollen zum Flüsterbogen oder in eine der urigen Kneipen.  Kaum einer weiß, was hinter der Fassade des Gebäudes passiert.  15 Wissenschaftler suchen dort nach Antworten auf Zukunftsfragen der Menschheit.

 Stimmengewirr dringt in die oberen Stockwerke. Ein Fenster ist geöffnet. In einem der Büros sitzt Attila Cangi vor zwei breiten Bildschirmen, darauf - für den Laien -  komplizierte Formeln und Texte in Englisch. Der promovierte Physiker und Chemiker forscht, wie sich Materie unter extremen Bedingungen verhält. "Mit unseren Methoden kann man das Innere von großen Gasplaneten modellieren und simulieren.Das hilft dann beim Verständnis der Planetenentstehung."

Krankheiten besiegen oder besser behandeln

Cangi ist einer der 15 Wissenschaftler am Casus-Institut in Görlitz.  Sie kommen aus Deutschland, Polen, Indien, den USA und anderen Ländern. Mathematiker, Computer- und Datenwissenschaftler, Systembiologen, Experten für Künstliche Intelligenz arbeiten unter einem Dach. Ihre Forschungsthemen sind vielseitig. Sie suchen Antworten auf Fragen, z.B. wie sich das Klima auf unsere Umwelt auswirkt, wie Planeten entstehen oder wie Krankheiten besser behandelt werden können.

Casus-Direktor, Professor Roland Sauerbrey, umreißt eines der zwölf Projekte,an denen die Wissenschaftler am Görlitzer Untermarkt arbeiten: "Da geht es um die Fragestellung: Wenn ich eine begrenzte Testkapazität für Corona habe, wie muss ich diese Kapazität einsetzen, um einen Ausbruch der Epidemie möglichst klein zu halten? Das ist ein komplexes datenwissenschaftliches Problem, zu dem es auch schon erste Antworten gibt".

Komplexe Probleme lösen

Sauerbrey ist aus dem Ruhestand zurück. Der Physiker war viele Jahre Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf. Die Aufgabe in Görlitz reizt ihn. Während der dreijährigen Aufbauphase leitet er das Institut als Gründungsdirektor. "Das Rechnen hier ist nicht einfach nur immer größere Computer. Es geht darum, diese Computer sinnvoll zu nutzen. Es geht mehr um menschliche Brainpower. Die haben wir hier. Damit können wir komplexe Probleme lösen."

Über eine Hochleistungsdatenleitung  ziehen sich die Casus-Forscher riesige Datenmengen auf den Schreibtisch, sichten  und ordnen sie, fügen sie einzelne Datensätze zu einem Puzzle zusammen, lassen dabei ihre eigenen Erkenntnisse einfließen.  Pia Hanfeld beschäftigt sich mit dem Thema autonomes Fahren. Die Görlitzerin studiert an der Uni Breslau. "Ich lerne gerade noch, wie künstliche Intelligenz funktioniert und wie man das programmiert. Später würde ich sehr gern zum autonomen Fahren forschen."

Umzug an die Neiße

Weitere zehn bis 15 Wissenschaftler werden bis  nächsten Jahres zum Casus-Team  stoßen. Dann wird der letzte Forscherplatz am Untermarkt 20 besetzt sein.  Casus-Direktor Roland Sauerbrey schaut an die Neiße. Dort steht eine Industrieruine, das ehemalige VEB Kondensatorenwerk, nur ein paar hundert Meter Luftlinie vom Untermarkt entfernt. Der Freistaat hat das Grundstück gekauft. Dort soll künftig das Institut seinen Sitz haben. Bund und Land haben für den Aufbau elf Millionen Euro bereit gestellt.

Die meisten Wissenschaftler pendeln noch zu ihrem neuen Arbeitsort. Sie sind an zwei oder drei Tagen in der Woche in Görlitz.  Einige können sich vorstellen, in der Neißestadt eine Wohnung zu nehmen. "Görlitz ist eine sehr nette Stadt. Ich mag es vor allem, dass wir unser Institut mitten in der Stadt haben", lächelt Attila Cangi und klickt eine neue Seite mit zeilenlangen Formeln an.

 

 

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Reporter Knut-Michael Kunoth